
Statt über einen Elternführerschein zu diskutieren, sollten wir das tun, was wirkt: vorlesen. Eltern, Großeltern und Bücher sind das beste Leseförderprogramm.
Die Aufregung war groß: Oetinger-Verlegerin Julia Bielenberg fordert in einem Interview mit dem MDR einen „Elternführerschein“. Schon das Wort genügt, um Reflexe auszulösen. Mehr Kontrolle? Mehr Vorschriften? Mehr Bevormundung?
Kinder lernen das Lesen nicht
Schaut man genauer hin, bleibt von der Empörung nicht viel übrig. Bielenberg hat keinen staatlichen Führerschein mit Prüfung und Lizenz für Eltern gefordert. Sie wollte vielmehr auf ein echtes Problem aufmerksam machen: Immer mehr Kinder haben Schwierigkeiten, Texte zu verstehen und sinnvoll zu lesen. Den Begriff „Elternführerschein“ bezeichnete sie selbst als bewusst provokant gewählt.
Und damit hat sie einen Punkt.
Familie ist erster Bildungsort
Lesen lernen beginnt nicht erst in der Schule. Die Familie ist der erste Bildungsort. Wer Kindern vorliest, mit ihnen spricht, Geschichten erzählt und Fragen beantwortet, legt den Grundstein für Sprachkompetenz und Bildungserfolg. Genau darauf wollte die Verlegerin hinaus.
Doch die Debatte greift zu kurz, wenn sie nur auf die Eltern schaut.
Wo bleiben eigentlich die Großeltern?
Viele Menschen im Vorruhestand oder Ruhestand verfügen über etwas, das jungen Familien heute oft fehlt: Zeit. Zeit zum Vorlesen. Zeit für Bibliotheksbesuche. Zeit für gemeinsame Entdeckungen zwischen zwei Buchdeckeln.
Oma und Opa können zu Lesementoren werden. Sie müssen keine Pädagogen sein. Es reicht oft schon, regelmäßig eine Geschichte vorzulesen, über Figuren zu sprechen oder den Enkeln zu zeigen, dass Lesen Spaß macht. Kinder orientieren sich an Vorbildern. Wer Erwachsene mit einem Buch in der Hand erlebt, begreift Lesen nicht als lästige Pflicht, sondern als selbstverständlichen Teil des Lebens.
Wir brauchen keinen Elternführerschein
Vielleicht brauchen wir deshalb gar keinen Elternführerschein. Vielleicht brauchen wir vielmehr eine Vorlese-Offensive der Generation 60plus.
Die geburtenstarken Jahrgänge gehen nach und nach in den Ruhestand. Viele suchen nach sinnvollen Aufgaben, möchten sich engagieren und etwas weitergeben. Was wäre wertvoller, als Kindern die Freude am Lesen zu vermitteln?
Ein Buch kostet wenig und bringt viel
Ein Buch kostet wenig. Eine halbe Stunde Vorlesen kostet fast nichts. Der Ertrag dagegen ist enorm.
Wenn jedes vierte Kind Probleme mit dem Lesen hat, dann ist das nicht nur ein Thema für Schulen und Eltern. Es ist eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft. Und dazu gehören ausdrücklich auch Großeltern.
Der beste "Führerschein": ein Bibliotheksausweis
Der beste „Führerschein“ für Eltern, Großeltern und alle anderen? Ein regelmäßig genutzter Bibliotheksausweis.
Bild: photodune
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